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Sonntag, 18. Mai 2008
Träume sind Schäume (aus der Rubrik "Herrjemine, Hermine Jeh!“)
Joo, manche Träume bringen mich vor Wut zum Schäumen. Wie letzte Nacht zum Bleistift. Herrjemine! War ich so dir nichts mir schon zum Kanzler geworden. Oder Kanzlerin? Hm … weiß ich nicht, im Traum fühle ich mich immer so geschlechtslos. Aber is ja auch egal, das Elend mit Deutschland bleibt dasselbe.
Tja, Hermine, hab ich mir gesagt, jetzt haste den Salat. Zapf schon mal deine pragmatische Vene an, jetzt musste echt was tun. Entscheidungen treffen!
So schlich ich also erst mal um den dicksten Brocken rum, die Verschuldung. Wie war das noch? Jeder Bundesbürger hat knapp 20.000 Eurotten Miese auf dem Staatskonto? Na, da sind wir mal großzügig, runden das auf 22.222 auf – weil ich lieber mit Schnapszahlen sympathisiere, die sind selbst im Suff weder links noch rechts oder mittig, sondern einfach nur rund. Und die bezahlt jetzt jeder gefälligst auf der Stelle! Dumme Ausreden gibt’s nicht, wir sind der Staat, jeder Bürger ist vor dem Gesetz gleich und jetzt macht hinne! Von wegen Bunkern der Penunzen für schlechte Zeiten. Die haben wir jetzt und da wird ausgeklinkt!
Die hohe Arbeitslosigkeit … ja, ja. Der Ansatz mit den 1-Euro-Jobs ist gut, das werde ich direkt mal umsetzen. Jeder bringt täglich 1 Euro mit zur Arbeit, damit ist er schon mal beschäftigt. Die Arbeitsplatz-Garantie streichen wir sofort aus dem Duden. Das ist nämlich sowas von Quatsch. Die Arbeit ist überall, die hat keinen festen Platz. Arbeitslos? Kann ja gar nicht sein. Wie heißt schon das alte deutsche Sprichwort: Wer keine Arbeit hat, macht sich welche. Aber der Mensch macht sich nun mal lieber Sorgen statt Arbeit. Da ist aber noch mächtig Potenzial für eine Prozessoptimierung, liebe Leute.
Subventionen? Gestrichen, aber sowas von! Das riecht noch nach frischer Farbe. Ist mir alles viel zu subversiv mit diesen Subs. Subunternehmen, Substitute, Substantive, Substanz, Subskription, Subkultur … das subt ja nur so. Kommt alles aus dem Untergrund, unterminiert die Chose nur.
Diäten? Na, wir wollen doch nicht, dass die Regierung vom Fleisch fällt. Aber die Bezüge für die Vertreter fallen weg, keine unnötigen Speckpölsterchen. Doch vernünftig essen sollen sie schon. Und dabei so richtig volksnah die Nase über den Eintopf halten. Mit geladener Gulaschkanone vor der Brust. Dafür sponsern wir Essensmarken für die örtliche Mensa. Sekt oder Selters? Keine Frage, das Beste ist gerade gut genug. Leitungswasser, ist das bestkontrollierte Lebensmittel von höchster Qualität.
Tja, und irgendwie ging dann alles drunter und drüber in meinem Traum. War ich doch gerade so richtig schön in Fahrt und wurde beim Schreibseln der Liste untergebrochen. Tumult! Keiner wollte da mitziehen.
Bah, ihr seid alles Spielverderber! Na, dann eben nicht. Habe ich die Liste durchgestrichen und verkündet: „Ich schließe den Standort Deutschland!“
Mucksmäuschenstill war es da auf einmal. Da konnte man die Nadel im Heuhaufen fallen hören. Oder war’s: den Heuhaufen nadeln hören? Egal. Das war mir auf jeden Fall zu langweilig, da konnte ich genauso gut wieder aufwachen.Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 16:59
Donnerstag, 15. Mai 2008
Absahnen „Na, du leckeres Sahnetörtchen! Bei deinem Anblick vibrieren meine Geschmacksnerven voller Vorfreude. Ich werde dich auf der Stelle vernaschen!“
„Halt, Moment! Du willst doch wohl jetzt nicht brutal den Löffel in meine sahnige Eingeweide stoßen?!“
„Doch, genau das habe ich vor. Aber zuerst kommt deine fruchtig-frische Haube aus Obststücken an die Reihe.“
„Stop! Wieso gerade ich?“
„Weil du mich so verführerisch aus der Theke der Konditorei angelächelt hast.“
„Das muss ein Missverständnis sein! Ich habe mein cremiges Gemüt ein bisschen zur Schau gestellt, nicht mehr und nicht weniger. Wie alle anderen: die Nussecke, der Holländer Kirsch, die Zitronenrolle, das Eierlikör-Schnittchen.“
„Das mag ja sein, aber deine einladende Kombination aus Früchten und Sahne hat mein Herz höher schlagen lassen. Du und kein anderes Törtchen!“
„Ich fühle mich geschmeichelt, ehrlich. Aber was hast du denn da in deiner Tasse drin, ist das etwa Tee?“
„Ja, ein würzig aromatischer Yogi-Tee.“
„Och, schau mal. Das passt doch überhaupt nicht zu mir. Erst zusammen mit einem Kaffee entfalte ich ein unvergleichliches Geschmackserlebnis.“
„Du bringst mich ins Grübeln. Ein Kaffee oder Cappuccino wäre wirklich die Krönung. In der Tat, ich werde mir schnell eine Tasse aufbrühen. Danke für den Tipp!“
„Hey, warte mal! Mach dir doch jetzt nicht extra Umstände wegen mir. Stell mich einfach in den Kühlschrank, und bei passender Gelegenheit reden wir nochmal darüber.“
„Keine Chance! Ich will dich jetzt!“
„Mach dich nicht unglücklich! Denk an all die Kalorien, die in mir stecken. Du wirst diesen Genuss später unnötig bereuen, glaub es mir!“
„Schluss jetzt mit dem Theater! Erst die Verführung pur signalisieren und dann kneifen. Gibt’s nicht! Du bist käuflich, schon vergessen?“
Mit Wonne sahne ich das Törtchen ab - Löffel für Löffel. Die Kombination aus Frucht und weißer Creme ist erste Sahne. Die imaginäre Diskussion lässt mich ganz bewusst das kleine Highlight des Nachmittags genießen.Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 00:06
Sonntag, 4. Mai 2008
Die perfekte Gastgeberin Es gibt weltweit einen nicht öffentlichen Wettbewerb um die Trophäe für die „perfekte Gastgeberin“. Noch nicht bemerkt?
Besuch hat sich angesagt. Völlig egal, ob dieser nur kurz- oder längerfristig zu verweilen gedenkt. Die Gastgeberin mutiert zur strategischen Planerin, die alle Taktiken souverän beherrscht. Auf die Schnelle lässt sich zur Unterbringung kein extravagantes Landschlösschen erwerben, also werden die vier Wände nach dem Motto „my home is my castle“ gründlichst auf Vordermann gebracht. Ein normaler Frühjahrsputz ist dagegen peanuts.
Weiß man’s, ob der Besuch nicht die Gesundheitskommission im Schlepptau führt, die eine Prüfung nach allen Regeln der Hygienevorschriften vornimmt? Oder der Besucher wird einem mit vorwurfsvoller Miene das corpus delicti von Staubflocken unter die Nase halten, das er beim Abwischen der Gardinenstange mit weißem Handschuh entdeckt hat. Vielleicht kriecht er gar bäuchlings unter das eheliche Doppelbett und sucht dort nach Spuren von Hausmilben. Wie peinlich!
Außerdem soll sich der Besuch „wie zu Hause“ fühlen. Also wird der Kühlschrank bis zum Rand mit exklusiven Gaumenfreuden vollgestopft. Wobei man auf irritierte Nachfrage versichert, dass diese Delikatessen doch völlig normal seien. Darauf ein Gläschen Schampus! Die Speisen und Getränke werden auf feinstem Porzellan, in funkelndem Bleikristall und mit dekorativem Tafelsilber serviert. Natürlich kann man diese Utensilien nach Gebrauch nicht einfach in die Spülmaschine stopfen, hier ist nach jeder Mahlzeit spülen mit der Hand angesagt.
Überhaupt Mahlzeiten – sie dienen dazu, dem Tag einen gewissen Rhythmus zu verleihen. Völlig unkompliziert, versteht sich. Frühstück um 10 Uhr, Mittagessen um 13 Uhr, Kaffeetrinken um 16 Uhr und Abendbrot um 19 Uhr. Schließlich weiß die perfekte Gastgeberin, wann ihr Besuch Hunger hat. Selbst wenn er den Nachschlag verweigert, so wird sie doch mit einem leisen Lächeln noch eine Portion nachreichen. Und milde insistieren, bis der Teller auch wirklich leer gegessen ist. Dann lächelt sie leise vor sich hin – sie hat es ja gewusst.
Aber der Besuch ist schließlich nicht nur zur Verköstigung gekommen, ihm muss auch noch ein angemessenes Rahmenprogramm geboten werden. Kein Problem! Aber denkt bitte daran, dass gewünschte Aktivitäten genau in die Zeitspannen zwischen den Mahlzeiten einzuplanen sind. Sie mag es ganz und gar nicht, falls ihr die Kartoffeln zerkochen sollten. Darauf kann man doch Rücksicht nehmen, das ist doch nicht zu viel verlangt.
Wenn der Besuch aushäusig unterwegs ist, hat die Gastgeberin endlich Zeit, alles aufzuräumen, zu waschen, zu putzen und die anstehende Mahlzeit vorzubereiten. Wenn dann alle Lieben wieder mit knurrendem Magen bei Tisch sitzen, haben in der Zwischenzeit die Heinzelmännchen wieder alles auf Hochglanz gebracht. Oder nicht? Egal, die Gastgeberin ist glücklich, wenn sie in zufriedene Gesichter schauen kann. Das ist ihr Dank genug.
Beim Abschied weint sie darüber, wie schnell doch die Zeit verflogen ist, und dass man sich gar nicht richtig unterhalten konnte. Es gäbe noch so viel zu sagen. Und man verspricht sich beiderseitig, dass man schnellstmöglich einen weiteren Besuch plant. Nach der Abreise wischt sich die perfekte Gastgeberin noch eine Träne aus dem Augenwinkel und fühlt sich total müde und erschöpft. Aber in ihrem Herzen weiß sie, dass sie die haushohe Favoritin auf die Trophäe „perfekte Gastgeberin“ ist.
Der Besuch strebt seinen eigenen häuslichen Wänden entgegen und hat ein leicht melancholisches Gefühl. Ja, es war wunderschön – aber auch ein bisschen anstrengend. Und er kann gar nicht erklären, warum ...Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 19:51
Dienstag, 26. Februar 2008
Feste Beziehung "Denn man tau ...!", meinte der dicke Pfahl zu dem Stock. "Bleib bei mir und wander nicht weg, auch wenn du dir das aufs Schild geschrieben hast." So t(r)auten sich beide und knüpften eine feste Beziehung. Bis in alle Ewigkeit ... falls die nächste Sturmflut ihre enge Beziehung nicht untergräbt oder ihnen gar den Boden unter den Füßen wegzieht. Oder der Stock das W verliert und einen ANDER(en) WEG einschlägt.
 Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 16:21
Donnerstag, 21. Februar 2008
Spielerei Klingt fast wie Spiegelei. Ei, was für ein Einstieg. Stieg mir doch der Gedanke hoch, mal eben einen neuen Blindtext zu schreiben. Schreiben kann jeder, weiß man doch. Doch das ist so nicht richtig. Richtig ist vielmehr, dass ein guter Text viel Arbeit macht. Macht man nicht mal so eben. Eben deshalb muss es ja auch Texter geben. Geben sich viel Mühe, schütteln das nicht einfach so aus dem Ärmel. Ärmel hochkrempeln heißt das Motto. Motto erstmal finden, gar nicht so einfach. Einfach an den PC setzen und auf die Tastatur hämmern? Hämmern muss es zunächst im Kopf. Kopfzerbrechen um den genialen Einfall. Ein Fall für die grauen Zellen. Zellen rotieren, bringen Ideen hervor. Hervorstechend? Stechen nicht gerade ins Auge. Augenscheinlich nur Mittelmaß. Maß ich dem Thema genügend Bedeutung bei? Bei der Gelegenheit nochmal von vorne. Vorne steht eine Idee. Idee ist zu wenig, es muss ein brillanter Einfall sein. Sein oder Schein? Scheint nichts wirklich Neues zu bieten. Bieten wir all unsere Kreativität auf. Auf jeden Fall wird es außergewöhnlich. Gewöhnlich dauert so etwas länger. Länger als eben nur einen Text auf das Papier zu bringen. Bringen wir es jetzt lieber zum Ende. Ende gut – wie der Dotter vom Ei. Ei, fast wie Spiegelei. Spiegel einer Wortspielerei.Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 00:18
Dienstag, 22. Januar 2008
Das Freitags-Duell Es findet freitags statt - nicht wöchentlich, aber dennoch regelmäßig. Wir treffen uns am gewohnten Ort. Eigentlich müsste das Duell im Morgengrauen zwischen Nebelfetzen stattfinden - doch da hat der Supermarkt noch geschlossen. Also haben wir uns unausgesprochen auf eine Zeit um 12.00 Uhr herum geeinigt. High Noon.
Sie ist bereits da, dreht mir halbseitig den Rücken zu - doch ich weiß, dass sie meine Ankunft aus den Augenwinkeln registriert. Ich strecke mich zu meiner imposanten Größe von 1,62 m und atme tief durch. Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen, lässig lasse ich meinen Einkaufswagen auf der linken Seite des Ganges ausrollen. Dann habe ich das Regal erreicht. Ich lasse sie nicht aus den Augen.
Da, eine Handbewegung - sie greift nach der Rolle mit den Plastiktüten, rollt einen Beutel ab und zieht ihn mit aufreizender Bewegung aus der Perforation. Dann hebt sie langsam die rechte Hand, befeuchtet Daumen und Zeigefinger mit der Zungenspitze und zwirbelt die Tüte auseinander. Dabei blickt sie mich provozierend an.
Mein Blick hält ihrem stand. Meine Miene ist das reinste Pokerface, kein Muskel bewegt sich in meinem Gesicht. Mein Atem geht ruhig und gleichmäßig. Dann streckt sie die Hand nach der Plastikbox im Regal aus, öffnet die Klappe. Fragend hebe ich eine Augenbraue, ich sehe, dass sie unmerklich einen Augenblick zusammenzuckt. Ha! Sie zögert einen Moment. Dann reckt sie ihr Kinn trotzig in die Höhe und will mit der Hand in die Box greifen.
Jetzt! "Würden Sie bitte die Brötchenzange benutzen?", frage ich höflich. Nicht übermäßig laut, aber dennoch kann es durch die gezielte Artikulation von den umstehenden anwesenden Personen klar und deutlich wahrgenommen werden. Das Lächeln spare ich mir, es gibt keinen Anlass dafür. "Aber ich ...", klingt es mit dem Versuch eines Einwandes an mein Ohr. Keine Chance - mein eisiger Blick erstickt den Rest des Satzes. Fast könnte man meinen, dass wir jetzt an einer Gefriertruhe stehen. Ich trete einen Schritt näher. Sie überragt mich um Haupteslänge, doch das ist mir egal.
Sie blickt mich an und weiß in diesem Moment, dass sie verloren hat. Zähneknirschend packt sie die Brötchenzange. Sie hat noch nie gewonnen. Ich weiß gar nicht, warum sie sich das jedes Mal antut. Aber ein Ausweichen auf eine andere Zeit würde ihre Niederlage wahrscheinlich komplett besiegeln.Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 12:44
Mittwoch, 28. November 2007
Der Novembermann Der Titel des Films gefällt mir schon sehr gut, die dahinter stehende Geschichte um Lebenslügen und Sehnsüchte klingt spannend, ist mit großen Charakter-Darstellern besetzt und spielt auf Sylt - wobei ich glaube, dass der maritime Hintergrund einer Insel dem Stück noch mehr Dramatik verleiht.
Heute Abend, um 20.15 Uhr in der ARD - Der NovembermannLabels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 10:57
Samstag, 17. November 2007
Die zwei - auf der Laterne
















 Labels: Fotos, Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 12:28
Dienstag, 13. November 2007
Halt dich gerade! schimpft der dicke Onkel. "Geht nicht.", murmelt der schlaksige Junge an seiner Seite. "Was heißt hier 'geht nicht'? Du hast dich früher immer gerade gerade gehalten und mich um Haupteslänge überragt!" "Es geht einfach nicht!", meint der Junge lapidar und krümmt sich noch ein bisschen mehr. Irgendwie sieht er schon merkwürdig aus, hat sogar einen Buckel bekommen, der früher nie zu sehen war. "Guck dir mal deinen Cousin dort drüben an! Ihr seid gleich groß und er schafft es mühelos, sich gerade zu halten. Nimm dir ein Beispiel an ihm!" Der Junge seufzt und versucht sich zu strecken. Doch leider bleibt der Buckel unübersehbar, er kann sich einfach nicht mehr zu voller Größe aufrichten.
Tut mir schon irgendwie Leid, das Kerlchen. Das drückt mich schon - im wahrsten Sinne des Wortes. Vor allem, wenn ich Schuhe anziehe. Denn ich habe mir vor einiger Zeit den zweiten Zeh rechts gebrochen, wahrscheinlich zweimal (wo schon, natürlich beim nachlässigen Einstieg in die Duschkabine) und er ist so krumm und buckelig zusammengewachsen. Das wird nix mehr mit dem Überragen des dicken Onkels neben ihm, jetzt muss ich nur aufpassen, dass der dicke Onkel in seiner fruchtlosen Erziehungsphase nicht in der rechts geneigten Position bleibt, wo er sich drohend über dem Neffen aufgebaut hat ...Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 11:36
Donnerstag, 2. August 2007
Wie sieht er aus? Das ist nicht nur eine Frage, das ist eine Herausforderung. Wie erkläre ich der blinden jungen Frau, wie dieser Hund aussieht? Und zwar so, dass ein Bild vor ihrem geistigen Auge erscheint, das ungefähr der Wirklichkeit entspricht. Selbst ein sehender Mensch wird mit der typischen Beschreibung „ein mittelgroßer schwarz-markener Eurasier“ Probleme haben, wenn er diese Rasse nicht kennt. Eiskalt erwischt – selbst als Texterin, die täglich mit Worten umgeht, suche ich nach treffenden Formulierungen.
Dieser Hund gehört zu den spitzartigen Rassen. Seine Schulterhöhe liegt ungefähr in Höhe eines Knies, gemessen an einem Erwachsenen. Er wiegt 27 Kilogramm, hat eine gedrungene Gestalt und wirkt recht kräftig. Sein Haarkleid besteht aus einer feinen grauen Unterwolle und langem schwarzem Deckhaar. Den langen Schwanz trägt er hoch aufgerollt auf dem Rücken. Die langen schwarzen und vereinzelt weißen Haare fallen kaskadenförmig zu beiden Seiten des Rückgrats hinab.
Der Schädel ist von oben gesehen wie ein breites Dreieck, die Schnauze ist gerundet, die Stirn setzt sich deutlich durch einen Stopp ab. Die Ohren sind ebenfalls als Dreieck ausgeprägt, an ihnen wächst schwarzer weicher Flaum. Am Hinterkopf wachsen lange Haare. Das gesamte Gesicht ist von sehr kurzen Haaren bedeckt. Die Augen sind bernsteinfarben mit dunkelbraunen Sprenkeln. Oberhalb der Augen wachsen weiße Härchen in Form dreieckiger Augenbrauen, die seinem Gesicht eine Clowns-Miene verleihen. Um den vorderen Teil der Schnauze sind graue Härchen vorhanden. Nun ja, er ist nicht mehr der Jüngste.
Die Vorder- und Hinterbeine sind auf der Rückseite ebenfalls mit langen schwarzen Haaren bedeckt bis zum Gelenk. Auf der Vorderseite sind diese schwarzen Haare kurz. Unterhalb davon wachsen weiße Haare, die durch eine optisch eingekerbte Stelle auf der Vorderseite den Anschein erwecken, dass der Hund Stiefelchen trägt. Wäre dieser Einschnitt durch kurze schwarze Haare nicht gegeben, sähe es eher nach weißen Strümpfen oder Bandagen aus.
Das Fell ist lang und glatt, nur auf dem Rücken bilden sich einige Wellen. Locken sind es nicht, die Bezeichnung wäre übertrieben. Die längsten Haare sitzen am aufgerollten Schwanz, sie sind ungefähr 15 bis 20 Zentimeter lang. Durch das lange und dichte Fell wirkt der Hund viel größer und breiter als er in Wirklichkeit ist.
Die Hände der jungen Frau ertasten den Hund nach meiner Beschreibung. Sie nickt fröhlich. Ja, sie kann sich ein Bild von ihm machen. Und dass dieser Hund ein ganz Lieber ist, das hat sie sofort gespürt. Geduldig lässt er sich von ihr „begreifen“. Dreht sich ein bisschen nach rechts oder links und präsentiert sich. „Ein schöner Hund!“, sagt sie zum Abschluss.
Was sie nicht sehen kann – mir steht der Schweiß auf der Stirn. Lange denke ich noch über diese Begegnung nach. Wir Texter sind geübt darin, treffende und aussagekräftige Formulierungen zu finden. Vieles ist zur Routine geworden. Doch können wir sicher sein, dass unsere Texte wirklich verstanden werden? Dass sie die gewünschten Informationen liefern, oder Bilder im Kopf entstehen lassen? Wenn Sie bei der Beschreibung des Hundes keine ungefähre Vorstellung von seinem Aussehen haben, dann habe ich diesen Text in den Sand gesetzt ...Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 21:26
Freitag, 6. April 2007
Absolute Körperbeherrschung Viel zu spät, um im fortgeschrittenen Alter noch eine Artisten-Karriere anzustreben. Doch frau will ja nicht ganz aus der Übung kommen, gibt es doch im Haushalt genug Möglichkeiten von spontanen Trainingseinheiten - gut getarnt als "und das machen wir doch eben mal mit links".
Gestern Abend die Lockerungsübung für die rechte Hand: Drücken des Knopfes zum Abtauen des Eisfachs im Kühlschrank. Na, wer sagt's denn! War doch ein Klacks zum Aufwärmen. Das Öffnen und Schließen der Tür funktioniert sowohl mit der rechten als auch der linken Hand einwandfrei, diese Handgriffe sind sowieso im täglichen Übungspensum enthalten.
Das Herausziehen des Abtaubehälters unter dem Eisfach schaffe ich ebenfalls mit links, das bringt mich überhaupt nicht aus der Puste. Doch die Kampfrichter haben diese Nacht den Schwierigkeitsgrad erhöht. Schon beim Hinsehen schwappt mir fast das Wasser zur Begrüßung entgegen. Stopp! Darauf muss ich mich erstmal mental vorbereiten, bevor ich die sportliche Herausforderung annehme.
Langsam in die Hocke gehen, vorsichtig und in Zeitlupe mit der linken Hand den Behälter aus der Führung bewegen, die rechte Hand zur Stabilisierung darunter halten und das Atmen einstellen. So weit, so gut ... nun hocke ich atemlos vor dem offenen Kühlschrank und halte den Abtaubehälter in den Händen. Doch wie kriege ich das Wasser jetzt ohne Malheur von dieser Stelle in das Spülbecken? Klar, hätte ich das Pflichtprogramm gewählt, stünde nun ein Eimer genau vor mir. Aber genau das war mir zu einfach, ich wollte ja gleich die Kür durchziehen ...
Am liebsten würde ich jetzt erstmal tief Luft holen, doch genau das würde mich vorzeitig aus dem Rennen werfen. Die nächsten Programmpunkte sind klar: Aufrichten, einen Schritt links zur Seite, eine elegante Rumpfdrehung und das Wasser in den Ausguss schütten. Rein theoretisch, also in diese Kür muss eine Ballett-Einlage rein, die doppelten Sprünge lassen wir mal ganz beiseite. Einfacher gesagt als getan.
Aber ... ich habe es geschafft! Na gut, es gibt Abzüge in der B-Note, weil die Körperhaltung eben nicht perfekt war, ich hatte beim Spitzentanz geschummelt.Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 13:11
Dienstag, 27. März 2007
Das Poesiealbum ... der Neuzeit heißt „Gästebuch“. Och nööö, schon wieder die Bitte: „Schreib mir doch was Schönes in mein Gästebuch.“ Die neuen Homepages mitsamt Gästebüchern schießen wie Pilze aus dem Boden. Und jeder Inhaber möchte natürlich einen besonders netten und persönlichen Spruch darin vorfinden. Die Wahrheit ist eine heikle Sache. Soll ich etwa vermerken, dass die Farbzusammenstellung nicht meinem Geschmack entspricht, das Schriftbild gerne etwas größer sein dürfte? Die Rechtschreibfehler verschweigen wir lieber, Ehrensache.
Vorbei die Zeiten, als wir noch heiter solche Sprüche eintrugen: „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken.“ Dafür müsste ich erstmal einen professionellen Programmierkurs absolvieren, um es entsprechend visuell umsetzen zu können. Ebenso außer Frage steht: „Wer dich lieber hat als ich, der schreibe sich noch hinter mich.“ Wobei wir früher ganz gezielt das letzte Blatt im Album dafür nutzten. Schreibe ich sowas ins digitale Gästebuch, dann hat der nächste Besucher ein dickes Problem. Demonstriert er mit seinem Eintrag unbeabsichtigt einen größeren Liebesbeweis? Bleibe ich mit meinem ultimativen Spruch der letzte Schreiber, weil sich nun niemand mehr traut, überhaupt noch einen Kommentar abzugeben? Schwierig, schwierig ...
Greifen wir doch auf die geflügelten Worte von Goethe zurück: „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah’. Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da.“ Fein, das könnte man ja internett-mäßig etwas aufpolieren. „Warum nur im Web rumsurfen, wenn das Leben liegt so nah’. Jederzeit echt leben dürfen, dazu ist das Leben da.“ Hmm, das könnten echte Freaks in den falschen Hals kriegen, lassen wir das besser.
Überhaupt – ich vermisse auch die nette Aufforderung des Eigentümers in der althergebrachten Form: „Liebe Leute, groß und klein, haltet mir mein Album rein, reißt mir keine Blätter raus, sonst ist es mit der Freundschaft aus.“ Na ja, früher schon hat der Besitzer des Albums die Seiten selbst rausgerissen, die ihm nicht gefallen haben. Heute löscht er sang- und klanglos den Eintrag im Gästebuch. Wobei sich das Reinhalten damals auf Eselsohren, Fettflecke und Tintenkleckse bezog. Heute muss er dafür ein wachsames Auge auf geistigen Dünnpfiff halten, bevor er selbst noch zur Rechenschaft gezogen wird, falls er solche Einträge toleriert. Wird ähnlich interpretiert wie schweigende Zustimmung. Mitgefangen, mitgehangen.
Ob wir in die philosophische Kiste auspacken, hängt vom Empfänger ab. Aber gute Wünsche kann man nie genug mit auf den Lebensweg geben, das ist ja wohl klar. „Gott gebe dir die Gelassenheit, Dinge zu ertragen, die du nicht ändern kannst, die Kraft, Dinge zu ändern, die du ändern kannst und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.“ Richtig gut, aber völlig daneben, wenn der Adressat ein Atheist ist.
Grübel ... ich hab’s! Ich werde Folgendes ins Gästebuch schreiben, in der Hoffnung, dass der Eigentümer es sich hinter die Ohren schreibt: „... lerne Menschen kennen, denn sie sind veränderlich. Die sich heute Freunde nennen, reden morgen über dich.“ Passt immer und jederzeit – vor allem in den unendlichen Weiten des World Wide Web.Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 10:15
Montag, 5. März 2007
Bonjour … Tristesse! murmele ich vor mich hin, als sie unerwartet im Türrahmen steht. Beim zweiten Blick überlege ich, wie sie ihr Domizil in einem heiteren Himmel haben kann, aus dem sie gerade mal wieder hereinschneit. Der Grund ihres Besuchs sind fadenscheinige Ausreden, dementsprechend sieht sie auch aus. Blass, unscheinbar – eine graue Maus.
Sie reicht mir die Hand, doch ich übersehe das geflissentlich. Kenne ich schon, sie will mich nur runterziehen, da entwickelt sie ungeahnte Kräfte. Denn sie hat es am liebsten, wenn ich am Boden liege und sie mich als Fußabtreter benutzen kann. Muss ich nicht haben, nicht heute und nicht hier.
Ein Blick auf ihr Gepäck verrät mir, dass sie plant, länger bei mir zu bleiben. Das riecht gar nach einem kompletten Einzug, sie will sich anscheinend richtig breit machen. Doch bevor ich ihr die Tür vor der Nase zuschlagen kann, hat sie bereits den Fuß drin – so schnell kann ich gar nicht gucken.
Ihre Muffigkeit raubt mir den Atem, mein Herz klopft melodramatisch den Takt des Trauermarsches, als sie an mir vorbeizieht. Ich senke den Blick. Wenn ich dieses Elend länger betrachte, breche ich noch in Tränen aus. Das liegt am Bazillus, den sie verbreitet – allein endloses Heulen mindert den Druck auf die Tränendrüsen.
Sie versprüht das Parfüm Melancholie durch den Raum, malt alles in schwarz und lädt spontan sämtliche Sorgen, Befürchtungen und Ängste zu einer Party ein. Wenn ich mich schon deprimiert fühle, dann wenigstens in bester Gesellschaft. Meucheln und Morden ist deren Lieblingsbeschäftigung. Den Funken Optimismus haben sie gerade ausgelöscht, die Heiterkeit wird im Keim erstickt.
Da regt sich plötzlich die Wut in mir: „So nicht!“ Ich könnte die ganze Baggage im Alkohol ertränken! Doch die leise Stimme der Vernunft mahnt: „Lass es, das ist nur eine Illusion. Du weißt, dass sie heimlich mit ihm verbrüdert sind, spätestens morgen wirst du den Versuch bereuen und sie quälen dich noch mehr.“ Warum muss die Vernunft immer Recht haben? Hat sie bereits mit dem schwermütigen Seufzer paktiert, der sich meiner Brust entringt?
In dem Moment, als mich die Verzweiflung anspringen will, sehe ich einen klitzekleinen Lichtstrahl durch das Fenster blinzeln. In seiner Neugier will er wissen, was sich hier hinter der trüben Scheibe abspielt. Er kitzelt mich so heftig in der Nase, dass ich niesen muss. Jawohl, ja! Und husten werde ich dem Pack auch noch was! Bevor sie noch wissen, wie ihnen geschieht, schnappe ich beim Hinauslaufen meine Jacke vom Haken und lasse die Tür krachend ins Schloss fallen.
Der Sonnenstrahl hat seine Geschwister mitgebracht, gemeinsam locken sie mich weiter fort ins Freie. Tut das gut! Frische Luft füllt meine Lungen, die Augen freuen sich an den Farben, mein Herz beginnt zu singen und schlägt gleichzeitig einen flotten Takt. Die Füße tänzeln leicht über den Boden, die gute Laune gesellt sich zu mir.
Nach einem ausgiebigen Spaziergang kehre ich beschwingt zurück. Schon von weitem sehe ich, dass die Tristesse samt ihrem Gefolge zu einem hastigen Aufbruch gedrängt hat. Ohne die Hauptperson ist es ihnen zu langweilig, sie öden sich nur gegenseitig an.
"Au revoir" fällt mir so spontan ein … doch halt, nee … auf ein baldiges Wiedersehen kann ich gut verzichten. Also nochmal gekramt in den drei französischen Vokabeln, die meine grauen Zellen irgendwo abgespeichert haben. Ach ja … da habe ich es ja … „Adieu, Tristesse!“Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 10:47
Donnerstag, 15. Februar 2007
Tolle Tage wünsche ich! Wäre ich dort, müsste ich nach hier flüchten, doch da ich schon hier bin, kann es dort umso toller zugehen ... Alaaf und Helau! Aber so ein kleines bisschen jeck bin ich ja auch - nicht nur zu Karneval. Deswegen heute eine olle Kamelle aus der Rubrik "Herrjemine, Hermine Jeh!"
Der Geigerzähler Ach ja, der Herr Traber ... Der hat doch eine große Ähnlichkeit mit unserem Herrn Karachjahn, fast könnten sie Zwillingsbrüder sein, die das Schicksal aus Laune mit dem Winde in die verschiedenen Ecken des Landes verweht hat. Ja, ja ... unser Herr Karachjahn, Geigerzähler von Beruf. Anfangs dachte ich immer, der tickt nicht richtig. Bis er mir das mal mit seinem Beruf richtig verklärt hat. Er zählt also die Geigen in der Philharmonie zu Köln. Nicht alle Streichinstrumente, nein, nur die Geigen. Aber bei diesem riesigen Orchester kommt er da schon mal durcheinander und muss ständig wieder von vornheraus mit Zählen beginnen. Und damit das Ganze nicht so albern für das Publikum aussieht, hat man ihn in einen Frack gezwängt und ihm so ein dünnes Stöckchen in die Hand gedrückt. Weil, man zeigt ja nicht mit dem nackten Finger auf Geigen - auch nicht beim Zählen. Ist ja wohl klar, so viel Anstand muss sein. Und so steht er Abend für Abend auf der Bühne und zählt und zählt, weil er immer wieder durcheinander kommt. Aber irgendwie ist seine Jahresbilanz immer ausgeglichen, er ist auch dieses Jahr wieder in guter Hoffnung.
Das Publikum denkt dann immer: Meine Güte, das riesige Orchester könnte ohne Herrn Karachjahn ja gar nicht spielen, er muss die Leute lenken, damit sie keinen Unfug mit ihrem ganzen Instrumentarium anstellen. Dabei steht er nur da und zählt, und zählt, und zählt ... Aber wenn er endlich fertig gezählt hat - und erstaunlicherweise trifft das immer mit dem Ende eines Musikstücks zusammen - dann gibt es tosenden Appellaus von den Leuten. Sie belohnen ihn jeden Abend, dass er die Nerven behalten und am Ende richtig gezählt und nix vergeigt hat.
Ist schon hart, so ein Beruf als Geigerzähler. Herrjemine, ich möchte den nicht haben!Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 11:11
Mittwoch, 14. Februar 2007
Wanderdünen Sie sind auch nicht mehr das, was wir früher in der Schule so über sie gelernt haben. Von wegen langsamer Prozess der Natur, wo der Wind in mühseliger Kleinarbeit die Sandkörner zusammenbläst und anhäufelt. Heutzutage stehen sie dir im Weg, wo du gestern das erste Mal einen bezaubernden Schleichweg entdeckt hast. Aufgepflanzt erheben sie sich vor dir: "Da staunste, was?!" Ja, in der Tat.
Die moderne Wanderdüne hat in der Evolution erstaunliche Fortschritte gemacht, passt sich dem rastlosen Zeitgeist perfekt an. Sie wandert nicht mehr selbst, sie nutzt mobile Transportmöglichkeiten. Für weitere Strecken eignen sich Kipplaster ganz hervorragend. Heute hier, morgen dort. Und wo sie eine längere Verweildauer in Betracht zieht, umgibt sie sich mit Baustellen - damit ihr nicht langweilig wird. Ist doch spannend, anderen beim Arbeiten zuzusehen. Falls es sie dann doch anödet, lässt sie sich ausnahmsweise herab, mal ein tiefes Loch zu stopfen.
Sie liebt bewundernde Blicke, aber bitte nicht zu sehr anstarren. Denn - haste nich gesehen - streut sie dir Sand in die Augen. So eine Wanderdüne hat schließlich auch ihre Privatsphäre. Während du noch mit zusammen gekniffenen Augen überlegst, ob sie noch dieselbe von gestern ist, ändert sie schon wieder ihr Aussehen, denn damit ist sie selten zufrieden. Typisch feminines Merkmal, sonst hieße es ja auch DER Wanderdün. Obwohl - den könnte ich mir schon eher als lustigen Wandergesellen vorstellen, der noch nach alter Burschensitte durch die Gegend zieht.
Norderney ist zur Zeit das El Dorado der Wanderdünen, sie laufen ... äh fahren ... mir fast überall über den Weg. Ich wollte schon die Fortsetzung von "Stirb langsam 3" drehen, sehe ich mich doch von Kipplastern umzingelt. Doch Bruce Willis hatte es da wesentlich spannender, er suchte nach Goldbarren. Hier könnte ich mit den Händen nur in den Sandhaufen wühlen. Doch wer weiß, was diese Wanderdünen so an Schätzen in ihrem Inneren verbergen ...? Vielleicht könnte ich ja auch den uralten Alchimisten-Traum aufgreifen, wie man aus Sand Gold herstellt.
Wie dem auch sei, diese Wanderdünen können mich nicht täuschen - ich erkenne sie wieder, egal, welche Tarnung sie sich gerade ausgedacht haben. Gestern habe ich einige erwischt, die sich gerade am Parkplatz des FKK-Strandes breit machen. Sie standen vorher hier am Klärwerk und grinsten mich morgens unverschämt an. Nun denn ... ziehet hin in Frieden ... dann steht ihr mir wenigstens hier nicht mehr im Weg rum.Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 11:29
Freitag, 9. Februar 2007
Neulich im Supermarkt Schon beim Betreten hatte ich die Ahnung, dass sich die alt bekannte Szene wieder abspielen sollte, als ich die Frau und das Kind bemerkte. Die Frage war nur, wer von beiden dieses Mal als Gewinner die Bühne verließ. Denn die Reihenfolge der dramaturgischen Einsätze ist unerheblich, offen bleibt jedoch bei jeder Aufführung, ob die Komödie letzten Endes doch in ein Drama abstürzt.
Als die Frau aus den Augenwinkeln das überbordende Regal mit den Süßigkeiten registrierte, nahm sie das Kind fest bei der Hand und wollte energischen Schrittes das Gefahrengebiet durchqueren, das vollkommen mit den abenteuerlichsten Schleckereien vermint war. Ebenso klar, dass das Kind sich aus seinem Blickwinkel plötzlich mitten in ein kunterbuntes Schlemmer-Paradies versetzt sah. Seine Augen kullerten fast aus dem Kopf, es riss sein Patschhändchen los und stürmte auf das Regal zu. „Haben!“, rief es mit seinem kieksenden Stimmchen und brach darauf in unverständliches Gebrabbel des Entzückens aus.
Die Frau kramte all ihre pädagogischen Fähigkeiten zusammen und versuchte es mit einem „Nein!“, welches allerdings an Durchsetzungskraft schwer zu wünschen übrig ließ. „Haben!“, schallte es ihr entgegen, wobei das Kind eine Tüte aus dem Regal riss. „Nein, mein Schatz, das ist nicht gesund. Da ist viel zu viel Zucker drin, davon wirst du dick und deine Zähne werden auch schlecht.“ Aha, ein Appell an das rationale Verständnis eines Kindes. Hat so was schon jemals funktioniert?
Die gegnerische Argumentation bestand aus einer weiteren prallvollen Tüte. Was soll’s – wenn schon dick und schlechte Zähne, dann aber richtig. Die Frau verlegte sich auf ein Tauschangebot, was eher einem Täuschungsmanöver glich. „Guck mal, wenn du das jetzt wieder zurücklegst, dann holen wir für dich dort hinten am Obststand Mandarinen, Äpfel und Birnen. Die magst du doch so gerne, und die sind richtig lecker!“
Die kindlichen grauen Zellen tickerten alles gründlich durch. Das Argument „und soooo gesund“ fehlte. Also stimmte irgendwas nicht mit diesem Deal. Warum sich überhaupt entscheiden müssen? Das Kind wollte alles. Also hielt es zunächst die Luft an, bis der Kopf bedrohlich rot anschwoll. Die Frau wurde zusehends nervöser. Würde das Kind sich auf den Boden werfen und wie am Spieß brüllen? Das Wasser in den Kulleraugen stand schon bedrohlich hoch, in einigen Sekunden würden sich Sturzbäche über das kleine Gesicht ergießen. Und die kleine Rotznase würde aus Solidarität gleich mitlaufen.
Die Frau seufzte resigniert, ihr Herz wusste, dass sie den Kampf verloren hatte – und als ich die Tüten mit Mäusespeck und Brause-Flummies in den Einkaufswagen legte, strahlte mein inneres Kind glücklich.Labels: Geschichten
Gepostet von Ina (taliX) @ 12:07
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